Reisen, der Weg zum Ich?

Reisen als ein Weg zum Ich? Wohl eher nicht. So viel sei vorweg schon einmal gesagt: Die drei hierfür klassischen Fragen, „Wer bin ich?“ „Wie sehen mich die anderen?“ und „Wo will ich hin?“ sind nicht die Fragen auf die ich die Antwort suche. Ja, suche ich überhaupt eine Antwort auf irgendeine Frage, das Reisen als Selbstfindungsszenario betreffend? Auch alle Esotherikfreunde werde ich herb enttäuschen. Nichts von Allem kann man mir nachsagen.

Bis vor wenigen Jahren habe ich gar nicht darüber nachgedacht, warum Reisen in entlegene Gegenden dieser Erde einen solchen Reiz auf mich ausüben. Nichtsdestoweniger sah ich mich immer wieder verständnislosem Kopfschütteln oder gar dem Vorwurf ausgesetzt, unverantwortlich zu handeln und bereit zu sein, dies im Notfall auch auf dem Rücken des Steuerzahlers auszuleben (etwa wenn mich die Botschaft aus den Fängen wilder Tuareg freikaufen muss). Eines Tages, nach meiner Kanutour auf dem Yukon, wollte ich der Sache dann selbst einmal auf den Grund gehen um endlich nicht mehr dazustehen und ausser einem verlegenen "mmpfff, weiss nich...." endlich einmal eine substanzielle und intellektuell befriedigende Antwort vorrätig zu haben.


Das Reisen scheint mir bereits von meinen Eltern mit in die Wiege gelegt worden zu sein. Es gab für mich nichts schöneres, als mit ihnen und meinen Geschwistern in die Ferien zu fahren. Nach Italien, Dänemark oder Österreich. So war es dann auch nicht verwunderlich, dass ich mir später die Mineralogie und Geologie als Studium aussuchte und in dieser Zeit sieben Sommer in Lappland verbrachte. Weitestgehend allein auf mich gestellt zog ich mit Zelt und Rucksack durch das Gebirge im Dreiländereck Schweden, Norwegen und Finnland. Es gab wohl keine Zeit, welche mich mehr prägte, als diese sieben Jahre. Jeden Tag machte ich neue Erfahrungen; was es bedeutet, die Natur im wahrsten Sinne des Wortes hautnah zu erleben. Zu erkennen, in welch empfindlichem Gleichgewicht sie sich befindet und in der wir Menschen nur Gäste sind.


Das Erleben, ein Teil dieser Welt zu sein, kann ich an keinem Platz intensiver und direkter spüren, als in der Abgeschiedenheit; gleichgültig, ob es die Tundra Lapplands ist, die Sahara Libyens oder das Gebirge Schottlands. Diese Abgeschiedenheit lenkt meinen Blick auf die unspektakulären Dinge im Leben. Wer einmal die Stille in einer Wüste „gehört“ hat oder den nächtlichen Himmel auf einer, von Lichtverschmutzung verschonten Hochebene Spaniens, der wird erfahren, wie sich die Gedanken öffnen und welches Staunen sich einstellt, einen Käfer zu beobachten, der vergeblich versucht, einen Sandhügel zu erklimmen oder die atemberaubende Zahl der Sterne unserer Milchstraße erkennt. Ich brauche mir nicht die Frage nach dem Sinn zu stellen, ich muss nicht begreifen, es reicht mir zu sehen und zu erkennen.


Die so gewonnenen Erfahrungen betrachte ich dabei erst einmal unvoreingenommen und wertfrei. Der eigentliche Wert ergibt sich jeweils neu durch den Dialog der Erfahrung mit den vorgefundenen Gegebenheiten. Die Erfahrung, mit dem Kanu in eiskaltem, reißendem Gewässer gekentert zu sein ist erst einmal erschreckend und lebensbedrohlich. In der bevorstehenden Wiederholung erinnere ich mich aber daran, dass ich es überstehen kann oder ich komme zu dem Ergebnis, mich nicht erneut dieser Herausforderung zu stellen und eine Alternative zu suchen.


Mit der Zeit lernte ich diese Erfahrungen in eine virtuelle Erlebniswelt zu transformieren. In dieser Welt beginnen alle Vorbereitungen meiner Reisen. Die mentale Auseinandersetzung mit den vorstellbaren Ereignissen ist mir somit der wichtigste Teil meiner Vorbereitung. In ihr erfahre ich Freude und Glück, aber auch Angst und Unbehagen. Dadurch, dass ich diese mentale Welt genauso ernst nehme wie die reale, kann ich für mich stets das Risiko erleben und beurteilen.

Oft kann ich aus den Erfahrungen anderer Reisender lernen. Daher geht eine eingehende Suche nach Reiseberichten und deren Studium selbstverständlich voraus.


Die Reise selbst ist für mich so etwas wie eine Zeitmaschine. Sie trägt mich zurück in die Jahre großer Entdecker und Abenteurer. Mit jeder Reise zu den abgelegenen Plätzen unserer Erde wächst meine Bewunderung für jene Menschen, die ohne Google Earth, GPS, Satellitentelefon und anderen technischen Hilfs- und Orientierungsmitteln durch die Eiswüste Grönlands wanderten oder durch den Dschungel zogen, etwa auf der Suche nach dem Ursprung des Nils.

Selbst die Reise zum Mond, so spektakulär sie auch gewesen sein mag, ging doch in bereits "bekanntes und erforschtes" Terrain. Es ist Neugier die mich treibt, kein tiefer Sinn sondern einzig die Lust am Erleben und Fühlen. Ich bin nicht auf der Suche nach dem Kick des Risikos;  die Erleichterung, einen Weg ohne oder mit geringerem Risiko gefunden zu haben, erfüllt mich hingegen mit Stolz. Ich bin kein Draufgänger, sondern eher ängstlich, das macht mich vorsichtig. Bin ich auf mich selbst angewiesen, überlege ich mir sehr gründlich, wohin ich meinen Fuß setze. Ich begebe mich in keine Situation vor der ich von erfahrenen Reisenden oder Bewohnern der Gegend gewarnt wurde.

Ich halte daher die Gefahr, mich aus einer Notsituation retten lassen zu müssen für weitaus unwahrscheinlicher als die eines Skifahrers, der nach einem Unfall mit dem Hubschrauber vom Berg geholt werden muss. Auch dies zahlt übrigens die Allgemeinheit durch ihre Krankenkassenbeiträge. Und wenn wir schon einmal dabei sind, so kann ich wohl sagen, dass ich im Vorfeld einer solchen Reise eine spezielle Versicherung für eine mögliche Rettung und Bergung aus einer solchen Notsituation abschließe. Also keine Angst lieber Zweifler, ich falle dir nicht zur Last.

Das unbeschreibliche Gefühl jedoch, dass sich im Anschluss an eine solche Reisen einstellt graviert sich für immer tief in mein Leben. Ich gebe zu: ein wenig Stolz stellt sich dabei schon ein.

Der Stolz, mir etwas zugetraut und manchmal zugemutet zu haben, das nicht für jeden selbstverständlich ist.

Wann kommt der Tag, da es es keine entlegenen Plätze auf dieser Erde gibt, zu denen nicht bereits ein Reiseveranstalter Ströme von Urlaubern schleppt und Ihnen so den Charme der Ursprünglichkeit nimmt? Er ist unabwendbar, doch ich möchte, solange mir diese Möglichkeit noch geschenkt wird, so viel wie möglich von meiner schönen Welt sehen.

Matthias Dinger, 13. August 2011