Yukon 2009

Noch zwei Wochen

Seit geraumer Zeit beschäftigt mich die Frage, ob ich mir da nicht ein wenig zu viel vorgenommen habe, als ich mich für eine Solofahrt mit dem Kanadier von Whitehorse aus, den Yukon hinab bis nach Circle in Alaska entschied. Schließlich sollte die Reise ja einen ganz anderen Verlauf nehmen, nämlich von Ulm aus über die Donau ins Schwarze Meer. Binnen nur einer Stunde kippte ich die Entscheidung zugunsten des Yukon. Erst nachdem der Flug gebucht war, begann ich damit, mich mit den Umständen einer solchen Tour vertraut zu machen. Ich las über Bären, über die Widrigkeiten des Wetters, über den Fluß und seine tatsächlichen, aber auch seine fantasierten Probleme und ich schaute mir die Filme von Andreas Kieling an, einem Tierfilmer, der u.A. durch seine Filme am Yukon bekannt wurde. Er beschreibt die Einsamkeit und die Gefahren für Leib und Leben, denen er sich und seine Familie ausgesetzt sah. Als Folge davon wurden meine Nächte unruhig und von wilden Träumen geplagt. Ich bin kein ganz unerfahrener Kanute, aber ich kenne nur das Stillwasser. Wie wild ist der Yukon? Zwei Trainingswochenenden mit Siggi zeigten mir die Grenzen. Sowohl die meinen, als auch die unseres Bootes, der "Rachla Sa'ida, was so viel heißt wie "glückliche Reise".

Der Austausch über das Internet gibt mir heute ein etwas klareres Bild. So glaube ich zu wissen, dass ein Filmemacher seine Filme ja verkaufen muß, und andere Ihre Leistungen eben auch durch ihre, mitunter abenteuerlich gewürzten Beschreibung würdigen möchten. Viele aufmunternde Mails aus Kanada und Alaska machten mir wieder Mut. Ein liebes Ehepaar aus Circle in Alaska hilft mir, am Ende meiner Tour das logistische Problem des Transportes meiner Rachla Sa'ida zu lösen und läßt mich ein wenig aus der Einsamkeit des Flusses in die Einsamkeit der Kanadischen Wälder wechseln. Ein Feldbett in der Werkstatt und ein Bärengulasch mit Spätzle erwarten mich bei ihnen. Ich bin überzeugt davon, dass ich mit dem Bären im Gulasch deutlich entspannter umgehen werde, als träfen wir im Camp aufeinander und hätten um das Abendessen zu buhlen. Allein das sollte Grund genug sein, mich auf den Tag meiner Abreise aus Frankfurt zu freuen.

Whitehorse, Warten auf Katja

Der Flug nach Whitehorse war lang doch sehr angenehm. Es ist ein grandioses Schauspiel, wenn kurz vor Groenland die ersten Eisberge auftauchen und dann die hohen Berge Groenlands aus der Schnee- und Eiswueste auftauchen. Keine menschliche Hand scheint diesen Teil der Erde beruehrt zu haben. Es ist unvorstellbar und so viel gigantischer als all die Wuesten, die ich bisher erlebte. Am MacKenzie erreichten wir das Kanadische Festland. Zeit mich umzuschauen und was ich sah, liess mich erst einmal hoffen, mein Boot in Frankfurt verloren zu haben. Nichts als Wasser, Suempfe und hohe Berge. Nicht gerade ein Lebensraum, der sehr einladend wirkt. Warum tue ich das? Dann taucht der Yukon auf. Auch hier ist von Zivilisation nichts mehr zu spueren. Mir schwammen ehrlich gesagt die Felle davon.

Seit Donnerstag bin ich nun hier im Robert Service Campground und hatte erst einmal wieder alle Unbillen einer Reise zu spueren bekommen. So hatte ich nicht nur das Problem, ein funktionierendes Telefon zu finden um mich vom Flughafen abholen zu lassen, nein, als das endlich funktionierte, musste ich feststellen, dass meine Visa-Karte fuer Kanada nicht freigeschaltet ist. Da sass ich, ohne einen einzigen Dollar zu besitzen. Zum Glueck gibt es bei Up North, einem der hiesigen Ausruester, nette Menschen, die immer bereit sind zu helfen und das auch noch auf deutsch, denn Maria ist eine von den unzaehligen Menschen, die aus ihrem Urlaub einfach nicht mehr nach Deutschland zurueckkehrten. Sie liess mich die Hotline meiner Bank anrufen. Eine Freischaltung erfolgte daraufhin prompt, doch geschieht dies nur auf Tagesbasis. Um zukuenftig keine Ueberraschungen zu erleben hob ich also gleich alles ab, was ich voraussichtlich fuer die Reise benoetige. Die restliche Zeit verbrachte ich mit Einkaeufen und da blieb dann doch einiges an Dollars haengen. Ich muss einfach mal den Wechselkurs herausfinden, denn mir erscheint alles schrecklich teuer. Gut essen zu gehen ist auch so eine Sache. Die Empfehlung bei "Ribbs &  Salmon war absolut korrekt, was bereits daran zu sehen war, dass sich vor dem Restaurant etwa zwanzig Menschen versammelten, die alle auf einen Platz warteten. So gabe es eine Art Wartehaeuschen vor dem Laden, von wo aus man namentlich aufgerufen wurde, wenn man an der Reihe war. Einmal drinnen, war es wirklich recht huebsch, was moeglicherweise an dem ersten kalten Bier seit der Ankunft in Kanada lag. Es ist das Yukon Red, was man hier als Stolz kanadischer Bierbraukunst verkauft.

Tja, was ist den nun mit dem Fluss? Mit keinem Wort wurde der bisher erwaehnt. Es war ein langer kalter Winter, der See, das war bereits aus der Luft zu erkennen war weitestgehend eisfrei, doch die Ufer des Yukon waren noch von einer etwa einem Meter dicken Schneeschicht bedeckt, die jedoch bei den augenblicklichen Temperaturen von gut und gerne siebenundzwanzig bis dreissig Grad schnell verschwinden wird. Die Geschwindigkeit ist moderat, mit etwa fuenf bis sechs Kilometern pro Stunde. Trotz Schneeschmelze fuert er wenig Wasser. Die Waldbrandgefahr ist nach einer Woche Hitze entsprechend hoch und der Alaska Highway wurde wegen Waldbraenden bereits gesperrt. Meine Mobilitaet waehrend der Wartezeit in Whitehorse gewann ich mit dem Anmieten eines Fahrrades zurueck. So wird die Zeit bis Dienstag nicht langweilig werden. Wenn Katja hier ankommt wird sie erst einmal viel Schlaf brauchen, denn sie ist dann bereits 16 Stunden unterwegs. Ich werde sie mit einem tollen empfangen, dazu ein kaltes Bier oder einen kuehlen Wein. Ich glaube es wird eine tolle Zeit mit ihr auf dem Fluss. Meine anfaenglichen Bedenken wegen der grossen Einsamkeit, die mich erwartet, haben sich verfluechtigt. Von Tag zu Tag gewinne ich Zutrauen zu dem Fluss und der Wildnis. Es sind die vielen Erzaehlungen die mir das Vertrauen zurueckgaben. Nun kann ich es schon nicht mehr abwarten, bis die Reise endlich losgeht. Wenn wir dann in Carmacks ankommen, gilt es, eine Rueckfahrmoeglichkeit fuer Katja nach Whitehorse zu finden. Die Buslinie wurde mal wieder eingestellt. Robert erklaerte sich bereit Katja mit dem Wasserflugzeug abzuholen, aber das kommt nur im aeussersten Notfall in Frage, denn der Flug soll sechshundert Dollar kosten. Trampen ist auf diesem Abschnitt jedoch die uebliche Art von A nach B zu kommen. Also sollte auch das keine Schwierigkeit darstellen. So, das wars dann mal wieder. Die naechsten Kapitel folgen dann nach den 22. 6. von Carmacks aus. Bis dahin bin ich dann mal wech!

Die Schöne und der alte Mann

Endlich ist es so weit, eine halbe Stunde vor dem Plan landete der Condorflug DE2260, in seinem Bauch das wertvollste Gut mit sich: Katja. Seit ein Uhr war sie nun auf den Beinen und entsprechend k.o., aber noch fitt genug fuer einen kurzen Gang in die Stadt um Geld zu wechseln und noch ein paar Dinge zu kaufen. 

Morgen frueh geht es dann endlich los. Es wird auch Zeit, ich beginne bereits Wurzeln zu bekommen. Gestern hatte ich eine ausgesprochen gute Nacht. Mike feierte seinen neuen Job bei den Wasserwerken und hatte entsprechendes Naschwerk dabei, das er freundlicherweise mit mir teilen wollt. Zwei Zuege liessen mich dann bereits in das Land der Traeume absacken. "The best grass in the world, grown by my friend" waren dann wohl die letzten Worte die ich verstand bevor ich in das Land der Traeume eintauchte. Nun gut, das habe ich hinter mir. Ist nix fuer den taeglichen Genrauch, jedenfalls nicht fuer mich. So,folks, nun heisst es also Abschied nehmen von der Zivilisation. Eine Vater Tochter-Tour nimmt ihren unabwendbaren Lauf. Wir freuen uns beide darauf. Endlich haben wir einmal Zeit nur fuer uns. In den ganzen 33 Jahren hatten wir dies noch nie vollbracht. Ich hoffe nur, dass viele neidische Blicke meine Augen kreuzen in den offen die Frage steht: "Was macht der alte Sack mit so eine jungen Geliebten?"Also gut, dann bis Carmacks!

Von Whitehorse nach Carmacks

Am 10.6. ging es endlich los. Das Beladen unseres Kanus nahm etliche Zeit in Annspruch und am Ende sah es aus, als wollten wir nach Alaska auswandern.

Einmal auf dem Fluss ging alles wie geschmiert. Am ersten Tag sind wir vierzig Kilometer bis zum Lake Laberge gefahren, an dessen Muendung wir unser erstes Lager aufschlugen und von zwei jungen huebschen Lehrerinnen darauf hingewiesen wurden, dass wegen der anhaltenden Trockenheit keine offenen Feuer erlaubt seien. Shit happens.

Trotz der Trommeln der Kinder des nahen Sommercamps hatten wir einen todesaehnlichen Schlaf. Obendrein erhielten wir eine erste Kostprobedavon, was es heisst Opfer von Billionen Muecken zu sein. Am naechsten Tag hatten wir die lange Strecke ueber den Lake Laberge zu meistern und das war hart. Keine Stroemung mehr und viel Wind. Dazu kam, dass der See stellenweise so flach war, dass wir das Boot ein weites Stueck zu treideln hatten.Genau genommen ist dieser See der gefaehrlichste Abschnitt des Yukon, da er bei Wind binnen weniger Minuten eine Welle von einem Meter Hoehe aufbauen kann. Also hielten wir uns dicht am rechten, oestlichen Ufer. Nach sechs Stunden hatten wir ein Drittel der Strecke geschafft und bauten unser Zelt am Ufer auf. Wir blieben an diesem Abend nicht allein. Ein junges Paerchen, das ebenfalls nach Dawson wollte, strandete ebenfalls an unserem Ufer. Sie wollten die siebenhundertfuenzig Kilometer tatsaechlich in 11 Tagen schaffen. Wo ist dafuer der tiefere Sinn.

Wir erreichten unser erstes Ziel nach zwei Zwei Tagen und uebernachteten direkt am Wrack der Casca, einem alten Sterenwheeler. Der naechste Abschnitt fuehrte uns auf etwas 50 Kilometern durch ein Gebiet, welches Thirty Mile genannt wird und das schoenste Stueck des Yukon sein soll. In voelliger Abgeschiedenheit wechselten sich Berge und Fichtenwaelter ab mit einer Landschaft, die ebenso haette im Algaeu sein koennen. In der US-Bend entdeckte Katja einen Adlerhorst. Die Alte sass im Nest, der Adlerhahn auf einem Baum auf der anderen Seite des Flusses. Bis zum Abend erreichten wir Hootalinqua, eine alte Siedlung aus der Zeit der grossen Goldrausches, nun verlassen, aber in recht gutem Zustand, was nicht von allen Siedlungen gesagt werden kann. In der naehe liegt auch ein gesttrandeter Sternwheeler, der aeusserlich ebenfalls noch recht gut erhalten ist, aber der fortschreitende Verfall laesst es nicht zu, an Deck zu gehen. In Big Salmon Village nutzten wir das schoene Wetter um die Gegend zu Fuss zu erkunden. Ein Tag Pause konnten wir uns gut leisten, da wir ja drei Tage vor der Zeit waren. Der naechste Tag sah erstmals nach Regen aus. Leider trafen nwir hier die falsche Entscheidung und fuhren gegen Mittag los. Nach einer viertel Stunde waren wir mitten drin im Gewitter. Unser Regenzeug war selbstverstaendlich gut verpackt und bis wir einen Platz gefunden hat, wo wir anlegen und uns umziehen konnten, waren wir auch schon pitschefadennass. Am spaeten Abend hatten wir noch einmal Glueck, dass es kurzfristig zu regnen aufhoerte. Dies Pause nutzten wir m unser Zelt, geschuetzt unter unserem Tarp aufzubauen. Die nassen Klamotten konnten wir an einem Baustamm trocken und dann gings es nach einem warmen Abendessen in den Schlafsack. Es regnete bis zum fruehen Morgen. Haetten nicht die Bieber nachts immer wieder mit ihren Schwaenzen auf das Wasser gepatscht, dann haetten wir sogar ruhig und ungestoert schlafen koennen. Die restliche Strecke bis nach Carmacks brachten wir in drei Tagen hinter uns. 

Carmacks als eine Stadt zu bezeichnen waere verwegen. Immerhin gibt es etwa fuenfzig Haeuser, zwei Tankstellen, eine Bar, ein Hotel und einen gut sortierten Supermarkt. Fuer Katja galt es nun eine Rueckfahrt nach Whitehorse zu organisieren, was einfacher war als anfangs gedacht. in den drei Tagen, die wir Zeit hatten, stellte sich heraus, dass die Besitzerin des Coal Mine Campground ohnehin nach Whitehorse zurueck musste und Katja mitnehmen konnte. Die Zeit wurde uns sehr kurzweilig, da sich zum gleichen Zeitpunkt eine Gruppe Maenner und zweier Frauen am Platz waren, deren Gewerkschaft einen freiwilligen Arbeitseinsatz organisiert hatte, um die verschmutzten Wasserquellen im Gebiet der First Natio9ns, wie hier die Indianer genannt werden, wieder instand zu nsetzen. Nach Katjas Abreise ging ich ihnen dann noch ein wenig zur Hand. Das war eine sehr lehrreiche Erfahrung, um zu sehen unter welchen Umstaenden die First Nations dort wohnen. Die Abende mit den Leiten der CAW (Canadian Automotive Workers) war ausgesprochenlustig und die Herzlichkeit mit der man uns aufnahm und in deren Tages- (Nacht-)ablauf integriert wurde war einfach umwerfend.


Am 25. Juni fand das laegste Kanurenner der Welt statt, der "Yukon River Quest". Das war die Gelegenheit, mich bei Sam und Dale fuer die tolle Zeit auf ihrem Campground zu bedanken und so half ich mit, die Boote am Dock in Empfang zu nnehmen, die Crew aus den Booten zu holen, die nach 16 bis 28 Stunde Dauerfahrt in denen sie die 312 Kilometer von Whitehorse bis Carmacks hinter sich brachten,aus ihren Kanus und Kajaks zu schaelen. Oft waren die Jungs und Maedels nicht einmal mehr in der Lage ohne Hilfe zu laufen. Die Boote stanken fuerchtetrlich, denn manche Crew hatte weder Uribags oder andere Hilfsmittel um ihre Notdurft zu verrichten, sondern liess es gerade laufen. Entweder in die Hosen oder ins Boot, oder bestenfalls in die Windeln, von denen dann doch ein paar benoetigt wurden. bereits am Vorabend bauten wir die Zelte fuer einige Crews auf, da die Crews alle in Carmacks eine siebenstuendige Pause einlegen mussten. Von vier Uhr morgens bis neun Uhr abends war ich auf den Beinen und dann aber auch totmuede. Meine heutige Abreise verlegte ich auf morgen frueh. Erst einmal musste ich ausschlafen, dann sortierte ich meine Habseligkeiten und nun schreibe ich an dem Bericht. Es ist kurz nach zwei und bis ich mit allem fertig bin waere es vier Uhr, zu spaet fuer eine Strecke die doch recht anstrengend sein wird, denn ich muss durch die Stromscnellen der five finger rapids. dann habe ich auch Begleitung fuer dieses Stueck und das ist doch beruhigend, denn laenger als ein paar Minuten haelt man es schwimmend in diesem kalten Wasser nicht aus. Lebensmittel erhielt ich nun fuer den Rest der Reise genug, denn ich bekam von den Teilnehmern des Rennens die Reste geschenkt. Wieder so deine tolle Geste der Gastlichkeit. Nun heisst es Good Bye Carmacks. Bis bald in Dawson 


Von Carmacks nach Dawson City

Nach einem langen Aufenthalt in Carmacks ging es dann am 28.Juni wieder zurueck auf den Fluss. Mit zwei deutschen Jungs wollte ich die Five Finger Rapids gemeinsam durchfahren, damit ich Bei Bedarf Hilfe bekomme, sollte ich doch kentern. Irgendwie hatten wir uns aber verpasst und ehe ich mich versah, hoerte ich das Getoese des Wassers in den Rapids. Also fasste ich mir ein Herz und fuhr hinein. Anfangs drohte mich die Stroemung zwar nach rechts, in den Schwall vor den Felsen zu druecken, doch mit ein paar kraeftigen Schlaegen brachte ich mich zurueck in die richtige Position und dann war ich auch schon mittendrin. Die Rapids waren einfacher als gedacht. Die stehenden Wellen an deren Ende konnte ich, dank eines guten Tipps des Yukon River Quest Teams, ebenfalls problemlos umfahren. Dann folgten die Rink Rapids, die jedoch weitaus harmloser waren als die Five Finger Rapids. Ein Aufschrei der Erleichterung! Von nun an ging es recht gemuetlich weiter. Der Fluss hatte Hochwasser, war also sehr schnell, an machen Stellen bis zu 15 km/h. Das Ziel war dann Fort Selkirk, das ich nach vier Tagen erreichte. Fort Selkirk ist ein alter Handelsposten, der nun von den First Nations vorbildlich restauriert wird und an dem es sich lohnt einen Tag zu verweilen. Hier traf ich

auf Juergen, der bereits den MacKenzie River solo befahren hat, und wir entschlossen uns, ein Stueck des Weges gemeinsam zurueck zu legen. Ich aktualisierte noch einmal meine Informationen bezueglich der Baeren und dann brachen wir wieder auf. Es stellte sich heraus, dass die aktualisierten Infos sehr zutreffend waren, da an einem Platz, welcher bisher als sehr gutes Camp galt, ein "Crazy Bear", also einer, der durchaus Menschenfleisch auf seiner Speisekarte fuehrt. Eines abends entdeckte ich am Ufer ein Hinweisschild, was fuer sich genommen schon einzigartig war. Was es versprach war jedoch noch viel besser, als alles, was ich erhoffte. "Lindas Bakery, 5 Mi, keep right" stand dort geschrieben. Dort angekommen fand ich nicht nur Lindas Bakery vor, die in einer alten Blockhuette aus der Zeit um 1998 stammte, sondern auch eine wunderbare Wiese zum campen. Das war mir die sieben Dollar wert. Neben selbstgebackenem Brot gab es dort auch einen Hotdog, und so sparte ich mir fuer diesen Abend die Kueche anzuheizen. Der Platz schien mir ebenfalls einen Tag Rast zu rechtfertigen. Am Abend des naechsten Tages erreichte ein Japaner mit seinem Kajak das Camp. Ich hatte ihn bereits in Fort Selkirk getroffen und ihm die aktualisierten Infos weitergegen. Aus seinem "ah soooo aah su" schloss ich, dass er mich verstanden hatte. Ein Irrtum wie sich herausstellte. Er hatte prompt an dem "baerigen" Platz lagern wollen, wurde dann aber von Indianern (korrekt: First Nations) in ihr Haus gebeten, wo er ein Bett und eine Dusche bekam. Sie zeigten im dann den Schaden, den der Baer tagszuvor an der Huette angerichtet hatte und ermahnten ihn dringlich, die naechsten fuenf Kilometer nicht mehr an Land zu gehen.

Bis Dawson sollte die Fahrt ohne Stoerungen weitergehen. Es war warm und sonnig wie jeden Tag, der Wasserstand sank taeglich und so boten sich die Sandbaenke wieder fuer ein sicheres Lager an. Taeglich meldeten sich Gewitter, die jedoch ausser Blitzen und Donner keinen Regen brachten. Zwei Tage vor Dawson City war der Himmel eines morgens milchig trueb, die Sonne schimmerte nur noch als rote Scheibe durch den Dunst, es roch brenzlich. Ein klares Zeichen dafuer, dass der Wald brennt. Das Land braucht dringend Regen. Auf dem Weg traf ich immer wieder auf Elchkuehe, die mit ihren Jungen am Ufer standen. Es ist ein schoenes Bild, wenn man die Tiere voellig arglos am Ufer beobachten kann.

Am 7. Juli traf ich dann abends in Dawson City ein. Bereits auf einer vorgelagerten Sandbank wurde ich angerufen von einer Gruppe junger Leute, die mich zu einem Empfangsbier und ein wenig small talk herueber baten. Das war mir gerade recht, denn bei dreissig Grad im Schatten tut ein frisches Bier wahre Wunder. Eine halbe Stunde spaeter war ich auf dem Campingplatz bei Dieter Reinmuth. Der Platz hat weder fliessen Wasser, noch Strom, dafuer aber ein Badhaus, in dem man sich auf einem Feuer in einer Tonne Wsser heiss machen kann, dass man sich aus Eimern ueber den Koerper giesst. Das Bad ist in einem schoenen Blockhaus untergebracht und wenn der Ofen brennt waehnt man sich in einer Sauna. Nichtdestoweniger hat Dieter noch extra eine Sauna, die man sich ebenfalls mit Holz selbst anheizen muss. Das Holz dafuer hat man selbst zu hacken und zu spalten. Diese Sauna auszuprobieren ist mein heutiges Ziel.

Dawson selbst laesst das Flair vergangener Zeiten gut nachempfinden. Schotterstrassen, hoelzerne Gehwege, und ein Strassenbild, welches dem der Zeit um 1920 entspricht, vermitteln einen Eindruck davon, wie es wohl zur Zeit des grossen Goldrausches ausgesehen haben mag. 

Natuerlich werde ich mir "Gerties" nicht entgehen lassen, ein Spielkasino mit CanCan, und den beruehmten "Sour toe drink", ein Gertaenk deiner Wahl mit einem mumifizierten grossen Zeh darin, werde ich mir ebenfalls goennen um mich in das Buch der Ehrengaeste eintragen zu lassen. Bedingung: Der Zeh muss die Lippen beim Trinken beruehren.

Heute war ich hinausgefahren in eine Goldmine. Es ist beeindruckend zu sehen, welche Massen an Erdreich fuer ein paar Goldkoernchen zu bewegen sind. Die Minen werden in der Regel von ein bis drei Personen betrieben, ein Mine mit fuenf Mitarbeitern gilt bereits als sehr gross. Was man dort gewinnt ist so genanntes Placer Gold, dass heisst solches, welches sich im Sediment des alten Flusslaufes befindet. Es wird in drei Schritten gewonnen, wobei der erste Schritt, das Stripping, darin besteht, den Permafrost aufzuspritzen und fortzuwaschen, bis man auf die Geroellschicht des Flussbettes stoesst. Dieses Geroell, der "Dirt" kommt dann in den Sloocer, eine Maschine, die das Material nach speziefischem Gewicht vorkonzentriert und dieses Konzentrat kommt dann noch einmal in eine Waschanlage, wo es weiter vom Schmutz und Sand befreit wird, bis nur noch der "black sand" bestehend aus Magnetit und anderen Schwermineralen, uebrig bleibt. Dieser Black Sand wird mit einem Magneten entfernt und der Rest wird von einer Maschine, welche im Prinzip einer Waschpfanne gleicht, ausgewaschen. Was dann uebrig bleibt ist das pure Gold.

Der Hoehepunkt war eine Einweisung in die Technik des Goldwaschens. Tatsaechlich fand ich auf Anhieb in den ersten zwei Pfannen sechs Flakes, die ich sorgfaeltig in ein wassergefuelltes Roehrchen gab. Das Roerchen wanderte in meine Hemdtasche, aus der es sich beim Waschen meiner dritten Pfanne leider zurueck in den Fluss stuerzte. Vorbei war es mit dem Reichtum! Die letzte Pfanne bescherte mir jedoch zwei neue Flakes und ich bin wild entschlossen diesen in den naechsten Tagen noch weitere hinzuzufuegen. 

Uebermorgen breche ich dann auf nach Circle. Zuvor werde ich jedoch in Eagle noch einmal einen Zwischenstopp einlegen um mich dort am Wiederaufbau des vom Eis weggeschobenen Dorfes zu beteiligen. Es werden noch Freiwillige Helfer gesucht, die verbliebenen Reste zu beseitigen und das restliche Hab und Gut der ehemaligen Bewohner herauszusuchen. 

Nun denn, Was ich dann auf diesem Abschnitt erlebte und ob ich nun mehr Baeren zu sehen bekam und wie es mir mit ihnen erging kann man dann in etwa 12 Tagen erfahren. Also, Reise, Reise!

Bis Eagle im Doppelpack

Nun, zuerst einmal muß ich mich dafür entschuldigen, diesen Teil meines Berichtes erst so spät folgen zu lassen, doch zum Einen waren mir die die Internetpreise in Alaska mit 12$/Std. einfach zu hoch, da überfiel mich der unendliche Geiz, andererseits zog ich ja nicht in die Einsamkeit um dann doch im Kreise der Internetgemeinde immer präsent zu sein. 

Doch nun zum wesentlichen. Wie gings also weiter? Dawson City bescherte mir nicht nur eine schöne Zeit in der Zivilisation, sondern auch einen zusätzlichen Passagier. Ich traf hier Sven wieder, dem ich in Whitehorse mit meinem Bootswagen aushalf, damit er sein neu zu erwerbendes Kanu sicher zum Fluss transportieren konnte. Sven und sein Freund Wolfgang planten, sich ein Floß zu bauen und damit zunächst einmal bis nach Dawson City zu schippern. Während Wolfgang von dort zurückfahren wollte, war es Svens Plan, mit dem Kanu bis nach Circle weiterzupaddeln. Wie das Leben so spielt, sind Plan und Wirklichkeit nicht immer in Deckung zu bekommen. So endete die Fahrt für beide in Carmacks, nur einen Tag, nachdem ich dort die Zelte abbrach. Floß und Kanu blieben also dort zurück und Sven trampte die Strecke bis nach Dawson City. Hier harrte er nun meiner traf mich und wir beschlossen, die Fahrt zumindest bis nach Eagle gemeinsam zu reisen. In einem Boot! Was ich nicht bedachte, in meiner ersten Überlegung, waren Svens neunzig Kilo Lebendgewicht plus Gepäck. Obwohl er dies schon heftig abspeckte blieb genug, um das Boot hoffnungslos zu überladen. Keine zwei Zentimer Freibord schützten uns vor dem kalten Wasser und da wir nur in die Höhe packen konnten war die Rahla Sai'ida hoffnungslos überladen. Als wäre das nicht schon genug, kam auch noch heftiger Wind auf, die Wellen schwappten immer wieder ins Boot und es blieb uns häufig nichts anderes übrig als immer wieder den Fluß zu verlassen um Wind und Wetter abzuwarten.

Und dasnn war da noch die Yukon Queen, das Pasagierboot, das täglich zwischen Dawson und Eagle verkehrte. Als es uns am ersten Tag begegnete verließen wir fluchtartig den Fluß um am Ufer Schutz zu suchen, doch der Kapitän beorderte uns über Lautsprecher zurück in die Mitte des Flusses. Die Logik leuchtete mir ein, als ich sah, dass die Wellen des Katamarans flach und lang waren, jedoch in Ufernähe steil und hoch wurden. Hinzukam, dass durch die Reflexion an den Uferen unangenehme Kreuzwellen entstanden. Also merkten wir uns das für die nächsten Begegnungen. 

Interessant ist die Besichtigung des alten Shipyards, direkt flussabwärts des staatlichen Campgrounds von Dawson. Svens Versuche, an den Einmündungen der zahlreichen Creeks einen Fisch an die Angel zu bekommen blieben erschreckend erfolglos und nachdem nicht nach einer Ewigkeit von zwei Minuten ein Fisch anbiss, wurden weitere Versuche eingestellt. Temperaturen von über zwanzig Grad nahmen uns die Scheu vor dem kalten Wasser und ein Bad im klaren Wasser der Creeks brachte die ersehnte Erfrischung. 

Die alte Goldgräberstadt Forty Mile, an der Mündung des gleichnamigen Flusses war die nächste Station, deren Besuch zu empfehlen ist. Ein vorbereiteter Campground, alte Gebäude und Relikte aus der Zeit der Goldgräber zeugen von der einstigen Bedeutung dieser Siedlung. Eine alte Hütte, komfortabel eingerichtet und offensichtlich bewohnt, ist der Beweis dafür, dass es tatsächlich Menschen gibt, die noch am Fluss als Trapper und Careceeper leben. Von dem Bewohner allerdings war weit und breit nichts zu sehen und so begnügten wir uns damit, uns in seinem Gästebuch zu verewigen. Wir waren jedoch nicht die einzigen Gäste in Forty Mile. Zwei Biologen waren mit ihrem Motorboot wegen Motorschaden hier gestrandet. Sie führten Untersuchung der Falkenpopulation entlang des Yukon durch. Am nächsten Tag war der Schaden behoben. Links und rechts des Flusses liegen zahlreiche alte Kohleminen. Über lange und anstrengende Fussmärsche gelangt man zu den Stollenmündern dieser Minen. Betreten kann man sie jedoch nicht. Wir wollten dann weiter zu dem Indianercamp "Ancient Village", dass in einigen Führern als sehr sehenswert beschrieben wird. Übernachtung in Hütten oder Zelten ist hier möglich, daneben kann man aber auch altes indianisches Handwerk kennenlernen und erlernen. Jedoch nicht für uns. Das Lager war wegen Waldbrandgefahr gesperrt und Campfires waren nicht erlaubt. Wir zogen also weiter und suchten uns eine schöne Sandbank.

Auf den folgenden Kilometern war unsere Flusskarte nicht sehr hilfreich. Zu stark hatte der Fluss seinen Lauf veränder. Inseln waren verlagert und Johnson Islan, ehemals eine veritable Siedlung war bis auf einen schmalen unbewohnten Streifen in den Yukon gespült worden. 

Am vierten Tag tauchte dann Eagle vor uns auf. Die Ufer waren vom Eis und Wasser stark beschädigt, doch der wirkliche Schaden zeigte sich erst als wir uns der Stadt genähert hatten. Kein Haus, keine Hütte stand mehr am Platz. Wo sie nicht völlig zerstört waren, so waren sie doch von den Fundamente gerissen und an anderer Stelle wieder abgesetzt worden. Das Bild, das sich mir bot entspach meinen Erwartungen. Ich glaube Sven hatte den Schadeen dann doch nicht so groß erwartet. Anlegen konnten wir am Fähranleger der Yukon Queen II. Kaum an Land war auch schon der amerikanische Zoll zur Stelle. Die Formalitäten waren wirklich sehr unkompliziert. Er wies uns einen Zeltplatz auf einem privaten Grundstück zu und wir paddelten bis dort hin. Die ganze Fahrt hatte ich bisher unbeschadet überstanden, also war ein Unfall mehr als überfällig. Ich stieg aus dem Kanu, ungeachtet der Tasache das ich keine Schuhe anhatte und es kam wie es kommen mußte, ich schnitt mir an einer Scherbe oder einem anderen Trümmerteil in den Zeh. Die Wunde war tief und blutete wie Sau. Der Zöllner wollte mich sofort zum Arzt schicken um den Schnitt nähen zu lassen. Mein medizinisches Equippment war jedoch, dank meines hilfreichen Hausarztes mit Allem ausgestattet. Zwei Streifen Klammerpflaster und ein Sälbchen schafften Abhilfe und heute ist kaum eine Narbe zu sehen. DANKE THOMAS! 

Die nächsten vier Tage wollte ich hier bleib, während Sven sich entschloss, doch mit der Yukon Queen II nach Dawson City zurückzuschippern. Der Käptn des Schiffes wollte auch gleich wissen, ob wir die Verrückten gewesen seien, die mit dem völlig überladenen Kanu unterwegs waren. Nun ja, verrückt? vielleicht ein bisschen. 

Am nächsten Tag trug ich mich in die Liste der freiwiligen Helfer ein und wurde zu einem älteren Herren geschickt, dessen Keller während der großen Flut abgesoffen war und nun vom Schlamm befreit werden mußte. Trotz Rufen und Klopfen war Ray nicht bereit die Türe zu öffnen. Seine Freundin, die wir nach seinem Wohlbefinden fragten, erklärte uns, dass es nicht einmal ihr gelungen sei, ihn aus dem Bett zu bewegen, vielmehr wollte er sogar die Hunde auf sie hetzen. Das Problem war nur, dass er gar keinen Hund hat. Also fing ich einfach so schon einmal an Eimer für Eimer voller nassem Schlamm aus dem keller zu schaffen. Am Mittag hörte ich dann Geräusche im Haus. Kurze Zeit später stand Ray vor mir. Er war erstaunt darüber, dass der Keller schon zur Hälfte ausgeschaufelt war. Er zeigte mir dann noch seine großen Schatz, zwei Fords, Baujahr 51 und 53. Sie standen mit offener Motorhaube in der Garage und warteten auf das Ende der vor 15 Jahren begonnenen Wartung. Er erzählte mir auch,er sei vierzig Jahre als Buschpilot für diverse Prospektoren, Jäger, Trapper und Touristen mit seiner Piper Super Cup durch Alaska und Kanada geflogen. Nach sechs Stunden war der Keller leer und gründlich gesäubert. Die Frischwassertanks, die es aus dem Boden und von seinen Anschlüssen gerissen hatte, waren wieder betriebsbereit und konnten befüllt werden. Die nächsten Tage ging ich mit Mike in das Gebiet der Natives, deren Hütten zum Teil weit in die Wäder geschwemmt wurden. Man muß Mike gesehen habe und meine Achtung zu verstehen, die ich Angesichts seiner Arbeit empfand. Mike war zweiundfünfzig Jahre alt, mochte 65 Kilo auf die Wage bringen, bei ca. 1,75m Größe. Er tug lange graue Haar, zu einem Pferdeschwanz gebunden und ein Tuch um die Stirn. Seine Zähne beschränkten sich auf das nötigste und eine Götterspeise wäre so ziemlich das härteste, was ich ihnen zumuten würde. Er sei Vietnamveteran erklärte er mir, als handele es sich dabei um einen Beruf. Später verdiente er sich sein Leben als Firefighter und Zimmermann, bis er heute die Hilfe in Notgebieten zu seinem Beruf gemacht hat. Ehrenamtlich und quasi als Wiedergutmachung für das Leid, welches er in Kriegszeiten über das vietnamesiche Volk gebracht hatte. Er war der einzige, den ich auf meiner Reise traf und derals Veteran so etwas wie Nachdenklichkeit zeigt. Ich mochte ihn vom ersten Augenblick an, aber das beruhte wohl auf Gegenseitigkeit. Mit unvorstellbarer Behendigkeit fällte er Fichten, die uns im Wege standen, entastete sie und sägte sie zurecht, sodass sie als Kufen für die Hütten dienen konnten, auf denen sie aus dem Wald zurück an ihren neuen Standplatz gezogen werden konnten. Anschließend mußte noch das nicht mehr zu rettende Haus eines Ehepaares abgerissen werden, um das so gewonnene Baumaterial neu zu verwenden. Um ein amerikanisches Haus abzureissen reicht ein Geißfuß und ein Hammer. Nach zwei Tagen steht nur noch der klägliche Rahmen. Den Rest erledigt Mike dann allein.

Der fünfte Tag war nun meine Abreisetag, doch zuerst bekam ich noch eine exklusive Führung durch Fort Eagle und die Gebäude der Stad, welche die Katastrophe überstanden hatten. Dazu gehörte leider nicht der Saloon, der seit der Goldgräberzeit unverändert überdauert hat. Bis zu dem Tag im Mai 2009, der das Leben der Bewohner mit einem Schlag veränderte. Nach fünf Tagen trieb es mich zurück auf den Fluß, zurück in die Stille und Einsamkeit, derentwegen ich mich doch auf die Reise begab. Ich wendete noch einmal mein Kanu ein letzter Blick auf die Stadt, deren Häuser mit traurig verwürfelten Dächern weiter und weiter zurückblieben. Fünf Tage trennen mich von meinem Ziel.

Von Eagle nach Circle

Ein letzter Blick zurück, dann ist auch Eagle nur noch Vergangenheit. Vorbei geht es an Eagle Bluff, einem riesigen Felsen und dann folgen wieder steile, vom Eis und dem Hochwasser gezeichnete Ufer Einige Fischcamps, von denen jedoch nur eines bewohnt ist, die anderen sind ebenfalls vom Eis zerstört und die Hütten sind weit ins Hinterland gespült. Ich mache dort Rast, doch der Platz verbreitet eine unheimliche Stimmung. Trotz schönen Wetters kommt kein Gefühl des Wohlbefindens. Sind es die Geister der Schamanen, die mich als Eindringling empfinden? Nach kurzer Zeit breche ich also wieder auf. Von nun an erinnert nichts mehr an das Vorhandensein von Menschen. Fünf Tage liegen aber noch vor mir. Neben der Spannung, was mich auf diesem letzten Stück erwartet, machte sich jedoch ein wenig Endzeitstimmung in meinen Gedanken breit. Ich versuchte noch genauer zu schauen und noch mehr Eindrücke in mich aufzunehmen. Auf Wood Island (65°02’57“N; 141°21’14“W ) schlage ich mein Lager auf, Es ist eine Kiesbank, doch ich finde ein sandiges Plätzchen. Keine Bären- oder Elchspuren sind zu finden und kann ich beruhigt schlafen.

Tag vier v.C. (vor Circle). Wieder Sonne. Der Geruch von Feuer liegt in der Luft. Ich weiß, dass um Circle herum Waldbrände gemeldet wurden. In der Nähe des Nation River soll sich eine schöne Hütte der Nationalparkverwaltung befinden. Ich werde sie mir wenigstens anschauen. Sie ist nur fünfzehn Kilometer von meinem jetzigen Camp entfernt, also zu nahe um dort zu übernachten. Gegen Mittag habe ich Coal Mine erreicht. Am rechten Ufer erkennt man ein Hinweisschild auf die Public Use Cabin. Es ist nicht leicht anzulegen, erst im letzten Augenblick erkennt man das Kehrwasser. Vom Ufer aus gelangt man nach 5 Minuten, teilweise über Bolenwege, die Hütte auf einer Waldlichtung. Wow! Romantik pur. Vor der Hütte steht ein alter Cache, jene Hütte auf hohen Stämmen errichtet, wo die Vorräte geschützt vor Bären und anderen Räubern, aufbewahrt werden. Die Hütte ist klein aber sehr gemütlich und in hervorragendem Zustand. In noch besserem Zustand und sich bei bester Gesundheit erfreuen sich jedoch dort die Mücken ihres Lebens. Ein paar Fotos und dann ergreife ich die Flucht. 

Zurück auf dem Wasser ist mein nächstes Ziel die Hütte am Glenn Creek. Gewitter zieht auf und in der Ferne zucken Blitze. Ich bin froh die Hütte vor dem Regen erreicht zu haben. Die Hütte ist nur halb so gemütlich, aber sie bietet Schutz und Wärme. Bei einem Rundgang entdecke ich frische Schwarzbärspuren und Bärenkot.
Ich hänge also heute meine Vorräte in die Bäume. Nicht umsonst hat man hier zwischen zwei Bäumen ein Drahtseil gespannt. Nach dem Essen richte ich es mir in der Hütte gemütlich ein. Mache Feuer und bald ist es mollig warm. Ich döse ein und schlafe traumlos. 

Tag drei v.C.: Ich richte mein Frühstück, als ich ein Raschen und schnauben höre. Schnell alles in die Tonne und zurück in die Hütte. Durch das schmale Fenster peile ich die Lage, doch es bleibt ruhig. Also packe ich meine Sachen, richte das Feuer im Ofen für den näöchsten Besucher wieder vor und eine Stunde später treibe ich wieder dahin. Immer wieder döse ich ein. Die Ruhe wäre perfekt, wäre da nicht mein Tinitus. Das erste Mal wird mir bewusst, dass ich wohl nie wieder in der Lage sein werde die vollkommene Stille zu hören. Bei Position 65°19’32“N / 142°22’07“W soll sich am linken Ufer auf dem Gelände einer alten Goldgräbersiedlung ein historischer Dampfschlepper befinden. Exakt an dieser Position erkenne ich am linken Ufer einen Schornstein. Das Ufer ist sehr steil und unzugänglich. Wieder hat das Eis seinen Beitrag dazu geleistet. Es gibt nur ein sehr schmales Kehrwasser und das Steilufer hinauf bewege ich mich auf allen vieren. Es ist anstrengend, die ca. acht Meter am Steilufer aus Löß empor zu klettern, doch es lohnt sich. Die Zugmaschine ist in erstaunlich gutem Zustand. Doch irgendwann wird sie wieder verschlungen sein vom Wald und Unterholz. Das war nun der letzte Zeitzeuge aus den Tagen des großen Goldrausches. Von nun an ist es nur noch die Natur, der meine Aufmerksamkeit gilt und natürlich dem Fluss. Es mehren sich die Untiefen und Felsen, die zum Teil nur knapp aus dem Wasser ragen. Ich muss also der Versuchung widerstehen, einzudösen und das ist nicht immer leicht. Ich habe heute eine lange Streckce vor mir, denn ich möchte es schaffen bis zum Slaven Roadhouse, das sind etwa sechzig Kilometer. 

Gegen Mittag höre ich ein lautes Motorengeräusch und in der Ferne sehe ich hinter mir ein Powerboot, das sich mir schnell nähert. Es stellt sich heraus, dass es sich um ein Boot der Naturparkverwaltung handelt. Es fährt an mir vorbei und stoppt den Motor. Zei Ranger, ein junger Mann und eine junge Frau fragen mich, ob alles okay sei, ob ich Hilfe bräuchte oder etwas zu trinken bzw. zu essen wünschte, doch ich verneine, denn ich habe von Allem noch reichlich. Ich frage nach ihrem Ziel und es stellt sich heraus, dass sie ebenfalls zum Slaven Roadhouse wollen. Na dann bis heute Abend. 

Ich lasse mich treiben und genieße die Ruhe. Teilweise gebe ich mich der Tagträumerei hin, lasse die nächsten Pläne entstehen und dann gelingt es mir immer öfter, völlig ohne Gedanken nur die Geräusche des Wassers in mich dringen zu lassen. So gleite ich meditierend dahin. Etwas, was mir zuhause noch nie gelungen ist. Gegen Abend erkenne ich am Ufer einen Pavillon. Dies muss Slaven Roadhouse sein. Dort liegt am Ufer auch das Powerboot. ES wird mir schnell klar, dass ich wieder einmal ein gutes Stück Arbeit vor mir habe. Vom Ufer ist das Gepäck über einen steilen Weg zweihundertfünfzig Meter weit zu tragen. Zehn Meter über dem Wasser steht das Slaven Roadhouse. Groß und einladend empfängt es mich. Es ist acht Uhr, noch immer warm und mir ist heiß nach all der Schlepperei. Von den beiden Rangern keine Spur. Um zehn höre ich ein Motorengeräusch und die beiden kommen auf einem Quad angeknattert. Ich überlasse ihnen das obere Stockwerk, denn ich habe erkannt, dass es sich um zwei frisch verliebte handelt.

Da es ja noch hell ist entschließe ich mich eine alte Dredge zu besichtigen. Sie liegt etwa 2 Meilen entfernt im Wald. Es ist beeindruckend dieses Ungetüm stumm inmitten des Waldes liegen zu sehen. Welch ein gigantischer Aufwand. Wieder ist es das Gold, das Menschen zu dieser Leistung trieb. Es ist eine unwirkliche Welt, zwischen all den Seilen, den Rüttelwerken und dem Geruch nach Öl und rostigem Eisen. Welch ein Lärm muss es gewesen sein, wenn die ganze Maschinerie erst einmal in Gang gesetzt war. Wie war wohl das Gefühl, wenn man aus Tonnen von Gestein endlich eine Hand voll Goldes gewonnen hatte? Auf dem Heimweg malte ich mir aus, wie die Menschen schufteten und sich dann abends dem Rausch und den Mädels hingaben. Wenngleich letzteres durchaus angenehm sein konnte, ist der Rausch nur in Maßen zu genießen, was die Arbeit anbelangte, so konnte ich jedoch nichts finden, was mir das alles erträglich machen könnte. Oder ist es das Gold, das wie ein Energie Drink die Menschen bis zur Selbstzerstörung anspornt?

Im Roadhouse ist es still. Ich richte mir im Erdgeschoß mein Bett. Die Sonne geht unter und er Fluss scheint für einen kurzen Moment zu glühen wie frische Lava. Am nächsten Morgen warten Steve und Guendolin auf das Flugzeug um sie in ein anderes Gebiet zu fliegen, wo sie die Hütten kontrollieren und wo nötig instand setzen. Wir frühstücken zusammen und sie erzählen mir von einem Lager von Geologen und Archäologen in Coal Mine, etwa 9 Meilen vom Roadhouse entfernt. Ich beschließe dorthin zu laufen.. Der Weg führt durch dichten Wald. Ich pfeife und singe um den Bären meine Anwesenheit anzuzeigen. Das war aber wenig erbaulich und ich beschloss lieber lauthals zu erzählen, doch was kann ich erzählen, was ich nicht ohnehin schon weiß. Also kommentierte ich jeden Baum, jeden Strauch und die zahlreichen Bärenhaufen. „ Oh, ein Baum mit grünen Blättern“ oder „siehe da, Bärenscheiße. Es sind keine Glöckchen drin, also hat er auch keinen Touri gefressen. Wiedermal nur Beeren“. Nach dreieinhalb Stunden war ich endlich da. Eine junge Frau stand mit zwei jungen Burschen zusammen. Ich gesellte mich zu ihnen und wir unterhielten uns über ihr Projekt, die alte Siedlung wieder aufzubauen und die Reste der alten Mine zu sichern. Sie hätten zwar kein Bier, aber einen Container mit Dusche. Es hätte nicht besseres für mich geben können. Auf dem Rückweg. Hielt ich mir einen Diavortrag über meine Reiseerlebnisse. Das muss so Furcht erregend gewesen sein, dass sich kein Bär in meine Nähe wagte.

Plötzlich huschen zwei Büsche über den Weg. Mein Gott, was habe ich getrunken? Ich gehe der Sache auf den Grund und finde … zwei Bieber, die je einen gewaltigen Ast zu ihrem Bau schaffen wollen. Auf dem ganzen Rückweg regnet es. Ich freue mich auf die warme Hütte. Heute werde ich mir etwas Gutes gönnen: Selbst gebackenes Brot mit Butter und ein Glas Rotwein. Ich habe ja noch das Rotweinpulver eines Ausrüsters für Globetrotter! Eine halbe Stunde später roch es in der ganzen Hütte nach frisch gebackenem Brot. Der Rotwein schmeckte traumhaft. Bei dieser Beurteilung handelt es sich um eine, von allen äußeren Einflüssen wie Dauer der Entbehrung, Lust, und Ekel nach Lesen der Inhaltsstoffe bereinigte Einschätzung. Am nächsten Morgen stehe ich früh auf. Dichter Nebel liegt über dem Fluss. Es ist erstaunlich wie schnell der sich hebt und den Blick auf das Wasser wieder frei gibt. Ich werde heute wieder weiterfahren, doch zuerst gehe ich mit meiner Goldpfanne noch einmal zum Goldwaschen. Leider habe ich recht wenig Erfolg. Nach einer Stunde gebe ich es auf. Meine vorbereitete Phiole bleibt leer.

Ich steige wieder in mein Boot und reise weiter. Unentschlossenheit kommt auf. Das Ziel ist nun, am Tag zwei v.C. in greifbare Nähe gerückt. Es wäre möglich die restliche Strecke von etwa neunzig Kilometern in einem Ritt zu machen, andererseits wäre dann die Reise endgültig vorüber. Das große Erlebnis ernährte sich dann von der Erinnerung. Nein, dazu war ich noch nicht bereit. Wenigstens noch eine Nacht auf einer Sandbank musste sein. Am Abend tauchte dann eine Sandbank auf, die mir geeignet schien. Ich schaffte meine Ausrüstung an Land, baute die „Küche“ auf und warf einen Blick über die Insel. Vor mir zweihundert Meter Kies und dann dichter Wald; und da endlich ein Bär, der aus dem Wald kam. Meine Kamera lag bei der Ausrüstung. Noch ehe ich überhaupt reagieren konnte hob der Bär seinen Kopf, bekam wohl meine Witterung und verschwand auf Nimmerwiedersehen im Wald. Eigentlich kein Kompliment für mich! Später beobachtete ich mit meinem Fernglas einen weiteren Bären, oder war es meiner, am anderen Ufer. Er trottete langsam flussaufwärts und sammelte dabei die Beeren von den Sträuchern. Plötzlich aufkommender Wind machte es ungemütlich. Der feine Staub wirbelte auf und drang auch in die kleine Ritze. In die Ohren, is Zelt selbst in die Packsäcke drang der Sand und irgendwann sah mein Zeltinneres aus wie mit einer dicken Schicht Roggenmehl bestreut. Für meine Vidoecamera war das zu viel, was ich aber erst zuhause feststellen mußte. Es war die letzte Nacht auf dem Fluss. War es das schon gewesen? Mehr und mehr fühlte ich nun die Beklemmung, einen Zwiespalt zwischen der Freude dem Ziel so nahe zu sein und dem Bewusstsein, dass etwas Großartiges fast hinter mir lag. So starte ich in den letzten Tag. Die Berge sind nun weit zurückgetreten, die Sonne scheint kraftvoll und ich ahne, wie es in den Yukon Flats aussehen mag. Um die Mittagszeit wird die Ahnung zur Gewissheit der Fluss erreicht nun eine Breite von zwei Kilometern und es ist nicht mehr leicht zwischen Inseln und Flussufer zu unterscheiden. Innerhalb von nur einer halben Stunde verringert sich die Geschwindigkeit auf sechs bis sieben Kilometer die Stunde. Nichts als weite Tundralandschaft. Ich fürchte an Circle vorbei zu fahren, denn es gibt keine eindeutigen Landmarken mehr und plötzlich traue ich meinem GPS nicht mehr. Es müsste doch langsam etwas von der Stadt zu sehen sein. Nichts! Aber ich habe mich immer rechts gehalten, dann kann ich Circle doch gar nicht verfehlen und da, endlich ein Turm. Nach und nach heben sich weitere Häuser ab. Ich bin da. Eintausendeinhundertsiebenundachzig Kilometer liegen hinter mir und 100 Meter vor mir. Ich fühle mich großartig! Eigentlich müsste ich mit Jubel empfangen werden, doch als ich mein Boot aus dem Wasser ziehe nimmt kein Mensch Notiz von mir.

Das Gebäude mit dem Turm erweist sich als ein Hotel, dass jedoch geschlossen ist. Es wurde nie in Betrieb genommen wie ich später erfuhr. Man möchte hier lieber unter sich, das heißt, den Natives bleiben. Ein Streifzug durch Circle lässt ein Bild entstehen, geprägt durch Armut und Verwahrlosung. Ich erhasche einen Blick in eines der Häuser und sehe das gleiche Bild wie in den Hütten der First Nations von Carmacks. Auf dem Weg zum Telefon überfällt mich ein perverser Heisshunger nach Chips. Ich muss mir eine Tüte kaufen. Vor dem einzigen Geschäft ist ein Parkplatz, doch parken dort nicht wie erwartet Autos, sondern Flugzeuge und auf der Straße warnt ein Schild vor kreuzenden Flugmaschinen. Das einzige Telefon befindet sich direkt vor dem Geschäft, in dem ich meine Chips bekomme und als kostenlose Dreingabe einen Kaffee. Ich rufe Kristine an, die ich über das Internet kennen lernte und die mir anbot, dass entweder sie oder ihr Mann Gary mich in Circle abholen, mich zwei Tage bei sich wohnen lassen, mir Bärengulasch mit Spätzle servieren und mich dann samt Boot nach Fairbanks bringen. Eine Stund später steht Kristine mit ihrem Truck vor mir. Schmal, gut gekleidet und bereit mich einzupacken. Good Bye Yukon. Werden wir uns wohl eines Tages wieder sehen? Der letzte Teil meines Berichts wird die Zeit mit Kristine und das Warten in Fairbanks auf den Abflug nach Frankfurt beschreiben.

Dann also bis nächste Woche.

Kristine

Ich denke, Kristine ist es wert, ihr einen großen Teil meines letzten Kapitels zu widmen. Sie stellte sich für mich als eine außergewöhnliche Frau dar und wir genossen es bis spät in die Nacht hinein zu erzählen. 

Doch eines nach dem anderen. Da stand Kristine also vor mir, so ganz anders, wie ich sie mir vorstellte und noch einmal völlig anders, als man es von Frauen dieser Gegend erwartet. Bevor es also daran ging meine Ausrüstung und das Boot zu verstauen, holte sie erst einmal zwei 10 Gallonen-Wasserkanister hervor. Wenn sie schon einmal hier sei, so wolle sie auch noch Wasser mitnehmen. Sie schnappte sich einen der Kanister füllte ihn schleppte ihn zurück und hob ihn auf den Truck. Das sollte eine Frau nicht tun dachte ich und packte den zweiten. Anstelle ihn anzuheben versank ich eher im Boden. Kristine lachte „Lass gut sein, ich bin’s gewohnt“. Damit landete dann auch der zweite Kanister auf der Ladefläche. Etwas schwieriger war es da schon, mein Boot auf das Dach zu verfrachten. Durch die hochgezogenen Enden passte es nicht kopfüber auf das Auto, wir mussten es also auf den Kiel stellen und diesen entsprechend unterbauen. Das hinauf heben, stellte sich, dank Kristines Bärenkräften als leicht heraus. Ans losfahren war jedoch noch nicht zu denken. Eine Frau, die sich schon von ihrer Körperfülle, aber auch von ihrem gesamten Habitus als Native offenbarte, verhandelte mit Kristine um Lachse. In diesem Jahr war es untersagt Königslachse zu fischen, doch staatliche Verbote interessieren hier niemanden, denn von irgendetwas muss man hier leben und die Lachsfischerei ist nun einmal die Lebensgrundlage der Natives. 

Wir besuchten also die Frau des Fischers zuhause und ich traf dort auf das gewohnte Chaos. Es unterschied sich lediglich dadurch, dass sich zwischen dem Durcheinander wenigstens kein Müll befand. Hier wechselten nun drei prächtige Lachse den Besitzer. Keiner der Lachse dürfte weniger als sechs Kilo gewogen haben. Es stellt hier schon Privileg dar, als „Weiße“ Lachs von einer Native angeboten zu bekommen und dann auch noch die schönsten Exemplare, doch das wusste ich bis dahin noch nicht. Es ging nun also zurück zum Auto. „Wundere dich nicht über mein Gewehr auf dem Rücksitz, aber ich fahre nie ohne“ warnte Kristine mich. Auf dem Rücksitz lag sie als, die für einen echten Alaskaner unverzichtbare Waffe. Alle Zweifel über deren Gebrauch wurden auf der Fahrt zu Kristines Hütte eindeutig beseitigt. Natürlich könnte Wildtiere sich als essbar erweisen, das wäre der glückliche Fall, aber man kann sie auch gebrauchen um zudringliche Mitmenschen auf Distanz zu halten. „Kein Hahn kräht danach“ erklärte mir Kristine. Eine Stunde Fahrt auf dem Steese Highway stand uns also nun bevor. Eine Stunde, in der all meine Befürchtungen von Reserviertheit und „fremdeln“ Lügen gestraft wurden. Ich erfuhr über die Schwierigkeiten Wasser zu beschaffen, wenn die allgegenwärtige Bürokratie einem den Weg zum Wasser zu verweigern versucht, dem Recht, einen Eindringling, der unangemeldet das eigene Grundstück betritt zu erschießen und die Problem mit dem Zuweg zur Hütte seit dem letzten großen Waldbrand 2004. Der Weg hält seitdem nicht mehr, da durch das Feuer keine Schatten spendenden Bäume das Auftauen des Permafrostbodens mehr verhindern. 

Gary, Kristines Mann, befand sich auf Krankenbesuch bei seiner Mutter in den USA und ich werde keine Gelegenheit haben, ihn kennen zu lernen. Schade, aber eben nicht zu ändern. Nach etwas vierzig Minuten bogen wir vom Steese Highway – wie es zu der Klassifizierung Highway kam ist mir schleierhaft - ab und nun begann der Aufstieg zur Hütte. Um uns herum nur verbrannter Wald, soweit das Auge schauen kann. Nach weiteren zwanzig Minuten. Haben wir die Hütte erreicht. Ein schmuckes Haus mit einer Terrasse und mit unbeschreiblichem Blick über die Berge. Dies also ist km 119 Steese Highway. Im Haus zeigte sich schnell, dass hier eine Frau wohnt und wirkt. Überall blickten Wölfe und Bären als Zeichnungen oder Schnitzereien auf mich herab. Über der Türe hingen zwei großkalibrige Gewehre, wahre Schmuckstücke, wenngleich sie nicht nur zum Schmuck dort hingen. Das Haus verbreitete sofort eine warme, wohlige Atmosphäre. Im Grunde bestand es aus nur zwei Räumen. Der untere Raum war geteilt in den Küchen- und Essbereich und den Wohnteil mit Fernseher und Couch. Im oberen Geschoß befand sich der Schlaf- und Arbeitsbereich. Hier standen die Betten und Kristines Computer sowie ein Tisch auf dem Kristine ihre Beadwork, feine Perlenarbeiten gefertigt nach der Tradition der Natives, abfertigt. Durch das große Fenster in der Front schaut man wieder über die Wälder und Berge.

Ein Bad gab es ebenso wenig wie eine Toilette. Gewaschen wurde sich in der Küche und das das Outhouse befand sich ein paar Meter von der Hütte entfernt. Anfangs wunderte ich mich über das große Fenster in der Klotüre, dort bei der ersten Benutzung verstand ich. Man mochte gar nicht mehr aufstehen. Da wird selbst der eingefleischteste „Stehpinkler“ zu überzeugten „Sitzpinkler“. Selbst an diesem Ort ergreift die Bewunderung für die vor einem liegenden Landschaft Besitz von mir. 

Schon während der Fahrt entschieden wir uns, heute die Küche kalt bleiben zu lassen und lieber nach Cetral in die „Stadt“ zu fahren und dort im Roadhouse etwas zu essen. Dort finde ich auch eine Dusche im so genannten Hotel, die ich gern und ausgiebig benutzte. Für fünf Dollar konnte ich dort auch meine Wäsche waschen. Das Roadhouse ist Tankstelle, Restaurant, Bar, Geschäft, Informationszentrum zugleich. Jeder der das große Hundeschlittenrennen, den Yukon Quest, verfolgt, der kennt auch dieses Roadhouse. Es ist einer der Hauptpunkte, an dem die Hunde versorgt werden können und Mensch und Tier sich für die Strecke fit machen. Dort trifft man alljährlich die Musher mit ihren Schlittenhunden und es werden Erfahrungen und gute Ratschläge ausgetauscht. Dort hinein kamen wir. Am Tresen standen oder saßen einige Männer vor ihrem Bier und schwiegen in den Spiegel. Auf einen dieser Männer, er saß ganz links, trat Kristine zu. „You better go home!“ sprach sie ihn an. Dieser erhob sich, nahm seinen Hut und verschwand durch die Tür. Was war das? Wollte ich von Kristine wisse. „ Er wird`s wissen und das reicht“ war ihre Antwort, dann war das Thema durch. Man redet hier nicht viel erklärte sie mir später beim Hamburger und einem kühlen Bier, und schon gar nichts persönliches, wenn man nicht gefragt wird und persönliche Fragen stellt man auch besser nicht. Also gut, ich wird’s mir merken. 

Zurück in der Hütte, sorgte ein Generator für Strom und somit Licht. Es wurde endlich wieder dämmrig. Alle Müdigkeit war aus den Knochen gewichen. Ich war neugierig. Wie kommt eine Frau an diesen gottverlassenen Ort in Alaska, woher bezieht sie diese offensichtliche Autorität, die im Umgang mit den Natives und den Männern im Roadhouse zu erkennen war? Wie lebt man hier draußen oder sollte ich besser sagen wie überlebt man hier? Fragen über Fragen. So war es dann auch nicht verwunderlich, als es bereit zwei Uhr morgens war, als wir uns zurückzogen. Ich in die Werkstatt auf mein Feldbett, und Kristine ins Obergeschoß. Es war herrlich. Endlich wieder Dunkelheit. Die Werkstatt hatte keine Fenster und ich schlief tief und fest. Am nächsten Morgen gab es erst einmal ein ausgiebiges Frühstück. Pfannkuchen mit selbst gemachtem Fireweed-Sirup, selbst gebackenes Brot, Eier mit Speck und Ziegenmilchyogurt. Ich organisierte meinen Rückflug von Fairbanks nach Frankfurt für den dreißigsten Juli. Kristine zeigte mir ihren Garten, der in diesem Jahr nicht viel hergab, es war einfach zu warm. 
Die Benutzung des „Outhouses“ stellt ein besonderes Erlebnis dar. Wegen seiner besonderen Lage direkt am Hang haben Gary und Kristine darauf verzichtet eine Blickdichte Tür einzubauen. Auf dem Thron sitzend bietet sich dem Benutzer ein fantastisches Panorama. Die große Glastüre erlaubt allerdings nicht nur den Blick nach draußen, sondern auch, sondern sie bietet auch eine gute Sicht auf den sitzenden. Kristine weiß davon zu berichten, dass ein Freund von ihnen sich einen Spaß daraus macht, mit seinem Flieger direkt am Outhouse vorbei zu fliegen und freundlich zu grüßen. Der Rest des Tages ging mit Erzählen rasch vorüber. Es war Zeit, das Abendessen zu bereiten. Bärengulasch mit hausgemachten Spätzle. Es war ein wahrer Genuss. <br />Am Abend bekam ich dann noch eine Lektion in alaskanischem Rechtsempfinden. Da verwundert es nicht, dass die Kapitaldelikte hier so gut wie keine Rolle spielen. Das meiste ist einfach legalisiert und wird unter dem Titel Selbstschutz abgehakt, ein Teil wird als Gesetz der Wildnis nicht weiter verfolgt und was übrig bleibt sind Diebstähle, so sie der Dieb überlebt und kleine Betrügereien, bzw. Drogengeschichten. Das ist dann etwas für den Sheriff. So einfach ist das! Dann kommt der letzte Morgen in Kristines Haus. Kristine nutzt die Gelegenheit um einen Termin beim Augenarzt wahrzunehmen und im Second Hand zu shoppen. Mit sicherer Hand findet sie dort die hübschesten Klamotten. Da merkt man ihr halt ihre vergangene Modelzeit an. Also verfrachten wir das Boot auf dem Auto, das Gewehr auf den Rücksitz und dann geht’s auf den Highway nach Fairbanks. Doch zuerst machen wir noch kurz Station in Chatanika wo wir uns ein saftiges Frühstück gönnen. Die Fahrt geht über die Berge, mit Blick auf die Crazy Mountains und die unendliche Weite der von Wildfires überzogenen Hänge. Es ist ein gespenstisches Bild. Einerseits die traurigen Reste der verbrannten Fichten, andererseits das lebendige Lila des Fireweeds, das einen scharfen Kontrast zu all dem toten Gehölz bildet. Es strahlt ein Gefühl von Hoffnung aus. Vier Stunden brauchen wir bis nach Fairbanks, vier Stunden Gespräche über Gefühle, Beziehungen zu Freunden und zu der Welt in der wir leben. Aber auch vier Stunden Abschied nehmen. Dann kommen wir an. Ich weiß nicht, ob es sich um eine typische Stadt Alaskas handelt, aber sie entspricht meiner klischeehaften Vorstellung davon. Kristine muss noch einmal zur Bank und auf dem Parkplatz gräbt sie noch einmal mit einem verträumten Blick die größten Geheimnisse ihrer Zeit hier in Alaska aus. Romantische Zeiten, die endgültig in ein vergangenes Leben gehören. „Warum erzähle ich dir das alles“ fragte sie erstaunt über sich selbst. Ich denke es ist eben so, dass ich ihr zwar für die zwei Tage, die ich mit ihr verbringen durfte sehr vertraut geworden bin, aber ich bleibe ein Fremder, der wieder aus ihrem Leben verschwindet in eine andere Welt. So bleiben ihre Geschichten und all die sehr persönlichen Eindrücke erhalten in ihrer Anonymität. Sie kehrt zurück in ihre Hütte und die Gespräche ziehen mit dem Rauch der Wildfires davon. Der Campingplatz, der für die nächsten sechs Tage mein Zuhause sein wird liegt ganz im Norden der Stadt, weit entfernt von Zentrum. Es ist ein städtischer Campingplatz, billig, ohne Dusche aber direkt am Chena River gelegen.

Was war das? Eine merkwürdige Stimmung schlich sich bei mir ein. Eine Leere. Müsste ich mich nicht unendlich glücklich fühlen nach all diesen grandiosen Eindrücken und Erfahrungen? Doch so sehr ich auch in mich hineinhorchte, es war nichts da. Die ganze Reise kam mir so vor, als habe sie nie stattgefunden. Das war erschreckend. Ich rief mir die Bilder ins Gedächtnis zurück, sie tauchte auch vor meinem inneren Auge wieder auf, aber sie waren einfach nur kalt und ohne Leben. Das kannte ich bisher noch nicht und ich habe keine Erklärung dafür. Ich begann die Tage zu zählen bis zu meinem Abflug, aber es waren sechs Tage, die irgendwie mit Leben zu füllen waren. Es gibt einige Museen in Fairbanks, aber ich hatte keine Lust darauf, mir die Geologie Alaskas oder erneut die Geschichte der Besiedelung und der damit verbundenen Heldentaten anzuschauen. Auch für das Eismuseum konnte ich mich nicht erwärmen. Ich zog also in die Stadt, einfach auf gut Glück. Der Fußweg war ermüdend, aber er fraß Zeit. Ich gelangte zum Pioneer Park, auch eine Empfehlung Kristines und beschloss mich zu einem Besuch. Es war der Tag vor Governors Day und es fand ein kostenloses Picknick der örtlichen Kliniken statt. Das passte mir gut, so sparte ich mir das Mittagessen. Der Park ist eine Mischung aus Ausstellungsgelände, Disneyland und Kinderspielplatz. Eben so, wie Amerika seiner Geschichte die lokale Prägung verleiht. Viel historische Fassade für diverse Kuriositäten. Etwas zum Anschauen, aber nichts Vermittelndes. 

Fünf Tage noch. Wieder Stadt ich versuche Rob zu erreichen, es ist mir nicht geglückt. Ich habe gehört, dass heute Governors Day sei und Sarah Palin nach Fairbanks kommt. Ich wollte mir das nicht entgehen lassen. Heute legt sie ihr Amt nieder und übergibt an den neuen Gouverneur. Das ganze findet wieder im Pioneers Park statt. Wieder eine Stunde Fußweg. Das Gelände ist heute noch voller als gestern, doch haben sich die Menschen in ihre guten Sonntagsgewänder gekleidet. Ganz am Rande der Menschenmenge eine kleine Gruppe mit Schildern. Es waren nicht mehr als zehn oder fünfzehn Männer und Frauen. Ein groteskes Bild, Da standen sie einer Menge von etwa fünftausend Palin-Anhängern gegenüber. Dann kommt Sarah Palin ans Rednerpult.

Die Menge jubelt, die Rufe der Protestler waren bereits zwei Reihen weiter nicht mehr zu hören. Die anschließenden Rede appellierte an die Alaskaner standhaft zu bleiben, wenn es sich um Eingriffe des Staates ins Privatleben drehte, standhaft zu bleiben, wenn es wieder einmal um das Recht eines Alaskaners geht eine Waffe zu tragen, standhaft zu bleiben, wenn es um den Schutz des ungeborenen Lebens ging. Jeder Appell wurde begleitet vom Jubel braver Patrioten. Ich beschloss mich zu gehen. Der kostenlose Hotdog schien mir reizvoller als Palins Aufruf an den Patriotismus, der hier in Alaska noch einmal eine besondere Nuance zu haben scheint. Irgendjemand sagte mir, die Alaskaner seien die Südstaatler des Nordens. War es Kristine? Ich kann es nicht mehr sagen. 

Vier Tage bis zum Abflug. In der Stadt wird irgendein Jahrestag gefeiert. Eine große Parade zieht durch die Stadt, doch ich bekomme nichts mehr davon mit. Nur das Entenrennen auf dem Fluss tausende kleine gelbe Quietschentchen treiben vor sich hin und gewinnen kleine Preise für kleine Kinder. Eine Bauchtanzformation beginnt ihre Show und sorgt für großes Aufsehen. Staunende Natives, johlende Männer und inmitten der Szene ein kleines Mädchen, das verzückt den Tanz der Grazien auf der Bühne nachahmt. Die Veranstaltung ging zu Ende und ich suchte mir eine Bar, in der ich ein Bier trinken konnte. Es war heiß, obwohl der Himmel hinter dunklen Wolken verschwand. Es waren Wolken von Rauch, die von Norden und Nordosten über die Stadt zogen. Die Waldbrände nahmen täglich zu. Ein paar Häuserecken weiter entdeckte ich eine Bar, die von außen schmuddlig genug erschien um in ihrem Inneren ein wenig Leben zu versprechen. Richtig gedacht. Hatte man sich erst an die schummrige Beleuchtung gewöhnt, so erkannte man ganz hinten ein paar ältere Herren, die, ihre Fiedeln stimmend, im Begriff waren, diese auch zu benutzen. Schnell entstand eine muntere Stimmung immer wieder brandete Applaus auf und zustimmende Zwischenrufe drangen durch die rauchige Luft. An der Theke sorgte eine hübsche, lustige Bedienung für endlose Bestellungen von Bier und Whisky. Sie hatte sichtlich Spaß mit den Männern, egal woher, einen Flirt zu versuchen. Ich konnte mich dem nicht verschließen und außerdem machte es Spaß nach den langen Tagen in der Wildnis, sich ein wenig auf diese angenehme Weise zu vergnügen. So hatten wir eine Menge Spaß. Sie hatte Freude am Posieren für meine Kamera. Viel zu reden gab es nicht, durch den Lärm hatten die Worte keine Chance das Ohr zu erreichen. Es war jedoch mindestens ebenso vergnüglich mit Gesten und Blicken das Treiben zu kommentieren. 

Am Abend erreichte ich Rob, wir verabredeten uns für den nächsten Tag in einer kleinen Bar, nahe meines Camps. 
Noch drei Tage bis zum Abflug. Mittags ging ich wieder in die Stadt, dieses Mal direkt in die Bar. Die Bedienung hatte gewechselt, keine Musik heute, also trank ich ein Alaska Gold und ging am Fluss entlang nach Hause. Um acht war ich mit Rob verabredet. Ich ging um sechs in die Bar. Die Tische auf der Terrasse waren voller Asche, die aus den grauen Wolken auf die Stadt herabregnete. Wie gemalt stand mein Alaska Gold vor mir.Ein Mensch ein paar Tische entfernt erregte meine Aufmerksamkeit. Mann oder Frau? Schwer zu erkennen. Doch dann bat mich der Mensch an seinen Tisch. Eine Frau! Dieses Rätsel war gelöst. 

Ob ich Deutscher sei und was mich nach Fairbanks trieb wollte sie wissen. Ja, die deutsche Sprache liebe sie sehr, besonders die alte deutsche Sprache, aber auch altenglisch, gälisch und keltisch. Wie sich herausstellte hatte die Dame einen Lehrstuhl für altenglische Sprachen an der University of Alaska. 

Dann kam Rob, er freute sich ehrlich mich zu sehen und um seiner Freude Ausdruck zu verleihen bestellte er Unmengen Bier. Zwischen den Schlucken erklärte er mir immer wieder, wie sehr er Katja verehrte, doch habe er wohl keine Chance. Er sei ein „heavy alcoholic“ erklärte er mir. Nach eineinhalb Stunden hatte er sein Maß voll. Des Laufens nicht mehr mächtig wurde er in das bestellte Taxi gesetzt. Auch ich beendete den Abend. 

Noch zwei Tage bis zum Abflug. Ich öffnete das Zelt und glaubte mich in einem drittklassigen Softporno. Mir gegenüber präsentierte sich ein Truck, aus dessen geöffneter Beifahrertür ein Paar Beine herausschaute, das sich zu einem unhörbaren Rhythmus bewegte. Ich wusste die Aktion wohl zu deuten. Nach kurzer Zeit trat Ruhe ein, aber die hielt nicht lange an, dann folgte Ronde zwei, diesmal er vor der Tür stehend und in die Tür hineinstoßend und dieser zweiten Runde folgte eine dritte, diese jedoch im knien. Ein Schelm, der böses dabei denkt! 

Ich suchte mir heute ein Internetcafé, machte noch ein paar Besorgungen, duschte auf dem Campus der UoA und wusch meine Wäsche. Der Rauch der Waldbrände zog dick durch die Strassen. Auch dieser Tag wurde auf der Terrasse der Bar am Fluss beendet. 

Noch ein Tag bis zum Abflug. Ich sortiere mein Gepäck, packe zusammen was ich heute nicht mehr brauche, fahre mit dem Taxi zum Flughafen um mich zu orientieren. Der Flughafen ist klein und überschaubar. Für morgen brauche ich noch einen Transfer für mich und meine Rahla Saiida, auch das klappte. Den letzten Abend verbrachte ich Ausnahmsweise wieder in meiner Bar am Fluss. 

Abreisetag. Die Abholung klappte prima. Nun stand ich da auf dem Flughafen mit Boot und viel Gepäck. Zu viel, zu schwer, wie sich herausstellte. Umpacken war die Devise des Morgens, doch das Boot sollte nicht mitkommen es ist mit seinen zweiundvierzig Kilo zu schwer und auch nicht zu leichtern. Man müsse mit dem Flughafenchef sprechen. Ich soll es aber trotzdem zum Scannen bringen. Staunende Reisewillige schauten mir also zu, wie ich das Boot zum Sperrgepäck hinter mir her zog. Dort klingelte ich wie mir geheißen ward. Die Uniformierte Dame antwortete sichtlich ungehalten auf meine Frage, was ich nun tun solle damit, dass sie das Boot bestimmt nicht herein trüge. Die hätte ich auch gern selbst getan, wenn das Boot nicht zu breit gewesen wäre um durch die nur halb geöffnete Flügeltüre zu passen. Meiner Bitte, den anderen Flügel zu öffnen konnte nicht nachgekommen werden, da die Dame sich dazu nicht autorisiert fühlte. Beim Versuch das Boot hochkant zu nehmen und zum Scanner zu schaffen, stellte ich es ihr auch noch auf die Füße, was sofort mit Schmerzgeheule und lautem Schimpfen quittiert wurde. Nun trennten sich unsere Wege. Ich trat demütig meinen Weg durch die heiligen Schranken des Zolls an, währen meine Rahla Saiida ihres Schicksals harrte. 

„Schau, da schlappen sü e Chanü züm Flügzig“ vernahm ich plötzlich in meiner Warteposition. Und wirklich, da war sie, meine Rahla Sa'ida, auf dem Weg zur Ladeluke um kurz darauf im Bauch des Fliegers zu verschwinden. Mit zweistündiger Verspätung hoben wir in Fairbanks ab. Der Flug verlief ruhig. Kurz nach dem Start zeigte sich das ganze Ausmaß der Waldbrände, die ihre Rauchwolken bis in eine Höhe von acht Kilometern schickten. Der Dämmerung folgend ging es nach Osten über Kanada, Grönland bis zum 82. Breitengrad, weiter Nach Norwegen, dann nach Süden über Dänemark nach Deutschland. Nach zehn Stunden war ich zurück in Frankfurt. Auch hier musste ich mir wieder das Gezeter wegen meines Bootes anhören, aber schließlich verließ ich den Ankunfts- und Gepäckbereich, mein Boot hinter mir her ziehend und da stand sie. Gitte strahle mir entgegen. Noch sechsundsiebzig Kilometer, dann bin ich zuhause. <br />Übrigens, das verlorene Gefühl etwas besonderes, etwas großartiges erlebt zu haben hatte sich gleich am Tage nach meiner Ankunft wieder mit aller Macht eingestellt. Da waren sie wieder, all die fantastischen Eindrücke der Wildnis, der Ruhe und Einsamkeit, aber auch die Menschen, die immer wieder meinen Weg kreuzten. Noch heute bewegt es mich, wenn ich zurückdenke an dieses überwältigende Erlebnis. Ich danke dir Gitte, dass du mich hast ziehen lassen. Es war für dich auf eine andere Art ein besonderes Erlebnis, mich so weit fort zu wissen. 

So, liebe Freunde, das war's dann erst einmal. Vielleicht gibt es bald eine neue Reise. Bis dahin also, Auf Wiedersehen.